Karl Lanckoroński – „Der letzte Humanist der europäischen Aristokratie“

Joanna Winiewicz-Wolska

„Was bin ich der Welt? Ich war kein Minister, kein Künstler, kein Professor. Oder vielleicht bin ich von alldem zusammen ein bißchen gewesen. Aber was war ich eigentlich? Ein Dilettant, ein Amateur, sonst nichts… Vielleicht einmal ein reicher Mann in hoher gesellschaftlicher Stellung, der die antiken Dichter geliebt und in der Kunst gelebt hat... Ist das etwas Besonderes?“ So sprach Karl Lanckoroński an seinem 80. Geburtstag über sich selbst. [1]
„Er war tief in der Mentalität des 19. Jahrhunderts verwurzelt, das ihm dank seiner Reisen in weit entfernte Länder und der Lektüre zahlreicher Bücher eine sehr umfangreiche Bildung ermöglichte. Sein unerschütterliches Gedächtnis war dabei von großer Hilfe. Dieses Gedächtnis, das wir heute mit dem (meinem Vater unbekannten) Wort als „digitales“ Gedächtnis bezeichnen würden sowie sein unstillbares Bedürfnis, sein Wissen ununterbrochen zu erweitern, bewahrte er bei ausgezeichneter Gesundheit bis ans Ende seiner Tage – bis zum 85. Lebensjahr“,  [2]  schrieb seine ältere Tochter Karolina über ihren Vater Karl Lanckoroński.
Karl Anton Leon Ludwig Lanckoroński-Brzezie wurde am 4. November 1848 geboren. Das Schicksal verwob ihn eng mit der Habsburgermonarchie – „das war die Welt, in der er lebte, die ihn formte und der er mit ganzem Herzen angehörte“ – erinnerte sich seine Tochter. Als die Unabhängigkeitsbestrebungen im Jahre 1918 zum Zerfall der multinationalen österreichisch-ungarischen Monarchie führten, zerfiel auch seine Welt. Die Treue zum Kaiser, die in polnischen Kreisen oft als übermäßige Loyalität wahrgenommen wurde sowie das Gefühl der engen Zugehörigkeit zum Kreis der elitären Wiener und internationalen Aristokratie waren die Gründe, warum er in der neuen Wirklichkeit nur schwer seinen Platz finden konnte und sich allmählich aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Karl Lanckoroński starb am 15. Juli 1933, fast genau zu jenem Zeitpunkt, als Europa dem deutschen Nationalsozialismus ins Auge blickte. Der Zweite Weltkrieg vernichtete schließlich das Lebenswerk von Lanckoroński: Eine Bombe zerstörte sein Palais in Wien, seine berühmte Kunstsammlung wurde zerstreut. Schnell vergaß man jenen Menschen, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine der bekanntesten und markantesten Persönlichkeiten war. Im Jahre 1948, anlässlich des 100. Geburtstags des Grafen, schrieb Paul Thun-Hohenstein: „Aber wenn auch erst fünfzehn Jahre seit seinem Tode verstrichen sind, so waren es doch Jahre voll schwerer Erfahrungen und Erlebnisse für uns alle, Jahre, die das Vergangene mit tiefer Zäsur weit hinter sich gelassen haben, so daß auch die reife Generation mit diesem Namen kaum mehr zu verbinden weiß als etwa die Erinnerungen an ein schönes, gartenumsäumtes Haus in der oberen Jacquingasse, das eine Bombe zerstört hat.“[3]
Jedoch: „Ihn kannte ja jedes Kind (…) Seine Popularität reichte vom Kaiserhof bis (…) zum letzten Einspänner in Wien und bis zum letzten Bauer im weiten Umkreis seiner polnischen Besitzungen“.[4] Er war „ein willkommener Gast bei höfischen Feierlichkeiten, im gesellschaftlichen und künstlerischen Leben“, seine „große, kräftige Gestalt mit ihrem rotem Bart“ [5] ragte stets über die Köpfe der ihn begleitenden Personen empor. Zu seinem geradezu monumentalen Körperbau stand sein kleiner Kopf im Kontrast, der durch einen üppigen roten Bart optisch vergrößert wurde. Dieser Bart verlieh seiner ganzen Gestalt ein patriarchalisches Aussehen. Sein Gesicht, mit einer hohen Stirn, regelmäßigen Zügen und wenigen Falten (auch in späteren Jahren), war vom lebendigen forschenden Blick seiner klaren, blauen Augen geprägt. Lanckoroński unterschied sich nicht nur „optisch“, sondern auch „akustisch“ von seiner Umgebung [6] Seine Stimme, die als „hoher Tenor“ [7] oder - boshafter noch - als schrill bezeichnet wurde, fiel ebenso wie sein gesamtes Erscheinungsbild, zu dem seine Stimme in unerwartetem überraschendem Kontrast stand. „Ich besuchte Lanckoroński selten, weil ich seine schrille laute Stimme, seine entschiedenen Sätze, die keinen Widerspruch ertrugen, und seine Launen nicht ertragen konnte“, bekannte Kazimierz Chłędowski. [8] Hugo von Hofmannsthal behielt ihn als einen Menschen in Erinnerung, der „fortwährend sprach, von tausend Dingen, so rasch und strömend, dass es gar nicht möglich war, auch nur eine Frage dazwischen zu thuen. Ich bin sehr froh ihn zu kennen, bin weit entfernt, ihn kritisieren zu wollen, aber es ist eigentlich fast wie eine Krankheit: ich verstehe gar nicht, wie er Eindrücke aufnehmen kann, und ich denke vergeblich darüber nach, wie er denn die  Freuden und Schmerzen der Existenz in sich aufnehmen kann, wenn er solch eine Flucht von Gedanken und Worten immer in sich hat.“ [9] „Das ist ein guter, edler Mensch“, verteidigte Christiane Thun-Salm den Grafen, „und wenn seine Sprechweise und sein vieles Wissen zuweilen ermüdend sind, so ist es doch erfreulich, einem Mensch zu begegnen, der ein reges, wirkliches Interesse für alles Geistige, und eine so aufrichtige Begeisterung für das Schöne in der Kunst besitzt.“ [10]
Lanckoroński war ein Mensch von außergewöhnlicher Intelligenz, umfangreichem Wissen und enzyklopädischem Gedächtnis, gepaart mit großer Empfindsamkeit, Seelenadel, Herzensgüte und Humor. Aus den Erinnerungen geht jedoch auch das Bild eines arroganten, unzugänglichen und unbeherrschten Mannes hervor, der zu Ausbrüchen ungezügelter Wut neigte. Einander ausschließende Charaktereigenschaften wie Impulsivität und Empfindsamkeit, Starrsinn und Verständnis, Machtgier und Ergebenheit verschmolzen zu einer schwer zu beurteilenden Persönlichkeit.
Lanckoroński wurde als „Grandseigneur der alten Schule“ [11] bezeichnet. Für den Maler Wojciech Kossak war er „ein außergewöhnlich großer Mann“ [12]. Ludwig Curtius, Professor für Archäologie und Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, erinnert sich folgendermaßen an ihn: „Man fühlte seine innere Güte und die Einfachheit seines Wesens aber da er aussah und sich benahm wie ein russischer Kaiser, war es schwer, sich ihm menschlich zu nähren.“ [13] Curtius musste jedoch einräumen, dass dieser scheinbar unzugängliche „russische Kaiser“ für die Kunst spontane, geradezu kindliche Begeisterung empfinden konnte.
Viele Anekdoten wurden über ihn erzählt. Während er bei den einen Sympathie erweckte, rief er bei den anderen Abneigung hervor. Einige unterstützte er - nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch dank seiner Autorität - andere wiederum behinderte er in ihrer Karriere, was ihm die verächtliche Bezeichnung „hochmütiger Mäzen“ [14] eintrug. Mit bewundernswerter Geduld tolerierte er den schwierigen Charakter von Hans Makart. Die weithin bekannten Marotten von Jacek Malczewski kommentierte er mit den Worten, „que le talent c’est le commençement de la folie.”[15] In dem vom Grafen „betreuten Kreis“ studierten viele junge Menschen, die Lanckoroński, „den wissenschaftlichen Parnass besteigend, hinter sich herzog oder vielmehr vor sich voranschob“ wie beispielsweise den jungen, begabten Archäologen Piotr Bieńkowski. [16]

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