Univ.-Prof. Dr. hab. Jerzy Borejsza

Am 17. April 2012 war in der Polnischen Akademie der Wissenschaften – Wissenschaftliches Zentrum in Wien der bekannte Historiker sowie herausragende Kenner und Erforscher totalitärer Systeme Jerzy W. Borejsza, zu Gast. Professor Borejsza ist langjähriger Leiter des Instituts für totalitäre Systeme sowie der Geschichte des Zweiten Weltkriegs des Instituts für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften, zurzeit lehrt er an der Fakultät für politische und internationale Beziehungen an der Nikolaus Kopernikus-Universität in Toruń. Der Vortragende ist seit vielen Jahren mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften verbunden, in der Zeit von 1991 bis 1996 war er auch Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Paris. Professor Borejsza erforscht die Problematik totalitärer Systeme auf der Grundlage von Quellen in italienischen, deutschen, polnischen und russischen Archiven und sammelte auch Materialien in Form von Gesprächen und Korrespondenz mit Zeitzeugen der damaligen Ereignisse. Er gab zahlreiche dieser Thematik gewidmete Publikationen heraus, u.a.: "Schule des Hasses. Die Geschichte des europäischen Faschismen 1919-1945" [Szkoły nienawiści: historia faszyzmów europejskich 1919-1945],  Von der Propaganda zur Aggression. Faschismus in Osteuropa [Il fascismo e l`Europa orientale: dalla propaganda all`agressione]. Er ist Mitherausgeber des Bandes "Totalitarian and authoritarian Regimes in Europe".
Der von Prof. Borejsza in Wien gehaltene Vortrag hatte die Rivalität zwischen Faschismus und Nationalsozialismus in Österreich und Mittel- und Osteuropa zum Thema und war  der außergewöhnlich interessanten Problematik der Entstehung dieser beiden politischen Bewegungen sowie deren Einfluss in den Ländern Mittel- und Osteuropas gewidmet. Professor Borejsza unterstrich, dass die Ausbreitung faschistischer Ideen in diesem Teil Europas zurzeit ein etwas in Vergessenheit geratener Aspekt der Geschichte der Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts ist. Eben zu dieser Zeit beeinflusste der italienische Faschismus die autoritären Regierungen in Ungarn, Bulgarien, Polen, Estland, Lettland und Litauen, aber auch in Österreich, Jugoslawien. Albanien, Rumänien und Griechenland. Der italienische Faschismus wurde als so genannter dritter Weg propagiert, als eine Regierungsform neben Demokratie und Kommunismus. Er vermochte eine gewisse politische Lücke zu schließen und fand zahlreiche Anhänger. Mussolini trachtete danach, das faschistische System in Mittel- und Osteuropa populär zu machen, was gleichzeitig die Chancen für eine territoriale Expansion Italiens erhöhte. Dieses Gebiet war jedoch seit jeher  Interessensgebiet Deutschlands. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland kam es daher unausweichlich zu einer Konkurrenz- und Konfrontationssituation zwischen den beiden politischen und gesellschaftlichen Systemen. Propaganda und Medien spielten bei der Entstehung des internationalen Bildes beider Systeme eine große Rolle. Sowohl Mussolini als auch Hitler erkannten die Bedeutung der Medien bei der Schaffung eines eigenen Bildes sowie der Präsentation aktueller Ereignisse.
In seinem Vortrag unterzog Professor Borejsza auch den durchaus unterschiedlichen Zugang des Faschismus und des Nationalsozialismus zu Rassentheorien einem Vergleich. Nach der Machtübernahme Hitlers wurden in Deutschland zahlreiche Rassengesetze erlassen, die italienischen Rassisten hingegen lehnten einen biologischen Rassismus ab. Sie strebten nach der Errichtung eines neuen italienischen Imperium, anknüpfend an das Erbe des Imperium Romanum. Erst Ende der Dreißigerjahre änderte sich die Politik Mussolinis. Kühle Berechnung und der Wunsch,  gegenüber Hitler nichts in Hintertreffen zu geraten, führten dazu, dass Mussolini die Rassentheorie übernahm und Gesetze verabschiedete, mit denen Juden die italienische Staatsbürgerschaft aberkannt und ihnen die Ausübung wichtiger politischer Ämter untersagt wurde. Dieser Richtungswechsel der italienischen Politik stieß, wie Prof. Borejsza feststelle, bei weiten Teilen der italienischen Gesellschaft sowie den italienischen Faschisten selbst auf deutliche Ablehnung, die Übernahme der Rassentheorie stellte nämlich eine entscheidende Änderung der faschistischen Ideologie dar.   
Die Thematik der totalitären Systeme im 20. Jhdt. stieß auf großes Interesse. Dem Vortrag wohnten zahlreiche Forscher dieser Epoche bei, die sich aktiv an der Diskussion beteiligten, u. a. Univ.-Prof. Gerhard Botz (Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien sowie Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft).
Krönender Abschluss des Abends war ein kurzes Konzert des Pianisten Piotr Kościk, der die Phantasie in c-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart zur Aufführung brachte.

Anna Głowacka

Photos: Adam Jaskot

Logo de kolor300DPI

 

Kontakt

Polnische Akademie der Wissenschaften - Wissenschaftliches Zentrum in Wien
Boerhaavegasse 25

1030 Wien - Österreich
Telephon: + 43 1 713 59 29

Fax: + 43 1 713 59 29 550
Mail: office@viennapan.org 
Impressum

 

Termine

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31

Anfahrt

© 2016 PAN - All Rights Reserved
DMC Firewall is a Joomla Security extension!