Archäologie des Verbrechens

Univ.-Prof. Dr. Andrzej Kola

Anlässlich dieses Vortrags hatten die zahlreich erschienenen Gäste die Gelegenheit, einen sehr interessanten Vortrag über die Geschichte des  „Verbrechens von Katyń“, gehalten von Andrzej Kola, Professor für Archäologie an der Nikolaus Kopernikus Universität in Toruń, zu hören. Der Autor des im Jahre 2005  unter dem Titel „Die Archäologie des Verbrechens. Das Polnische Offizierskorps am Friedhof der NKWD-Opfer in Charkow“ erschienenen Buchs stellte die Geschichte dieses stalinistischen Verbrechens vor und sprach über die Ergebnisse der  Forschungen, die er vor Ort leitete.
Nach den Begrüßungsworten seitens des Direktors des Zentrums, Prof. Bogusław Dybaś, hielt Prof. Kola seinen Vortrag, in dem er zunächst über die historischen Ereignisse, die zum  „Verbrechens von Katyń“ geführt hatten sowie über die Ergebnisse der Exhumierungen der Opfer auf den jahrzehntelang geheim gehaltenen Massenfriedhöfen referierte. Infolge des am 17. September 1939 begonnenen Angriffs der UdSSR auf Polen gelangten an die 250.000 polnische Soldaten und Offiziere in sowjetische Gefangenschaft. Die Offiziere – ungefähr 15.000 Mann – wurden in drei Sonderlagern des NKWD in Kosielsk, Ostaschkow und Starobielsk gefangen gesetzt. Auf Antrag von Lawrenti Beria sowie  kraft einer Entscheidung des Politbüros der Kommunistischen Partei und Stalins vom 5. März 1940 wurden die Offiziere gemeinsam mit insgesamt 11.000 Polen, die in den von den Sowjets besetzten Gebieten Ostpolens verhaftet worden waren, ermordet. Nach der Entdeckung der ersten Gräber in Katyń durch die Deutschen im Jahr 1943 versuchte die UdSSR das Verbrechen den Deutschen anzulasten. Dies galt nach dem II. Weltkrieg in Polen weiterhin jahrzehntelang als die offizielle Version, obwohl die Familien der Opfer sowie Exilpolen im Westen der Wahrheit auf den Grund zu gehen trachteten. Der politische Umbruch in Mittel- und Osteuropa an der Wende der 80-er und 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die „Perestrojka“ in der UdSSR und der Zerfall des sowjetischen Imperiums, erlaubte es nun – nicht zuletzt auch aufgrund des Drucks seitens der Familien der ermordeten Offiziere – die Klärung des „Verbrechens von Katyń“ in Angriff zu nehmen. Unter diesem Druck gab die UdSSR am 13. April 1990 zu, dass die Morde von Katyń durch den NKWD verübt worden waren. Bereits im Jahr 1991 gelang es einem gemeinsamen sowjetisch-polnischen Team in Charkow und Miednoje (bei Twer) Spuren von Massengräbern der Opfer von Starobielsk und Ostaszkow zu lokalisieren. Die Durchführung umfassender archäologischer Arbeiten und Exhumierungen auf diesen Friedhöfen durch polnische Forscherteams konnte nach vielen Bemühungen erst in den Jahren 1994-1996, also nach dem Zerfall der Sowjetunion, erfolgen.
Prof. Kola stellte die archäologischen Untersuchungen, die in Charkow unter seiner Leitung durchgeführt wurden, eindrücklich vor. Ziel der Forschungsarbeiten war es, zunächst alle Gräber des ehemaligen Friedhofs zu lokalisieren und danach die Gräber der polnischen Offiziere zu identifizieren, um deren vollständige Exhumierung in die Wege zu leiten. Diese Aufgabe wurde unter Anwendung entsprechender Methoden der archäologischen Forschung realisiert. Nach der Durchführung von 4600 Bohrproben wurden 75 Massengräber gefunden. 15 Gräber erwiesen sich als Gräber der polnischen Opfer. Viele Gegenstände, die den polnischen Opfern gehörten, manche mit der Aufschrift „Starobielsk“, wurden ebenfalls dort gefunden. In den Gräbern der sowjetischen Opfer stalinistischer Repressalien der Jahre 1937-1939 wurden die sterblichen Überreste von ca. 2240 Personen entdeckt. Im Juni 2000 fand  auf einem Friedhof für die Opfer des Stalinismus die Eröffnung des polnischen Militärfriedhofs statt.
Erst im Herbst 1994 wurden die Orte der geheimen Friedhöfe jener Polen, die im Herbst 1939 und im Frühjahr 1940 auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpolens verhaftet und in Gefängnissen in verschiedenen Großstädten der damals sog. Ukraine und des Westlichen Weißrusslands (Wolodymyr Wolynskyj, Rowno, Lemberg, Stanislau, Tarnopol, Luck, Grodno) gefangen wurden, entdeckt. Dank der Übermittlung des Verzeichnisses von 3435 verhafteten Polen, der sog. „ukrainischen Liste von Katyń“, von ukrainischer Seite und anhand von Archiveinträgen konnte man annehmen, dass die Opfer, die in den ehemaligen polnischen Städten Ostpolens inhaftiert waren, nach Charkow, Kiew und Cherson deportiert wurden. Der Ort eines möglichen geheimen Friedhofs des NKWD in Cherson ist bis heute unbekannt. Hingegen wurde im nahe Kiew gelegenen Wald von Bykownia die Stelle des geheimen NKWD-Friedhofs aus den Jahren 1937-1940  gefunden. Die Forschungen begannen im Jahr 2001  und wurden in den Jahren 2006 u. 2007 fortgesetzt. Zunächst wurden 200 Massengräber lokalisiert, von denen bis jetzt 140 exhumiert wurden. Obwohl es sich zeigte, dass die Gräber bereits früher dreimal exhumiert worden waren, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen, gelang  es den Archäologen, viele Knochenreste sowie zahlreiche Gegenstände, die die Feststellung der nationalen Zugehörigkeit der Opfer ermöglichten, zu finden. Die polnische Seite setzt große Bemühungen daran, die Arbeiten in Bykownia beenden zu können, um ein würdiges Gedenken der hier ruhenden polnischen Opfer von Katyń zu ermöglichen.
Das Publikum war  vom Thema des Vortrags tief ergriffen. Nach dem Vortrag stellten die Zuhörer Fragen, die sowohl die Methoden der archäologischen Forschung als auch allgemeinen historischen Problemen betrafen, wie zum Beispiel die Frage über die Motive, die Stalin leiteten. Prof. Kola betonte, dass die Ermordung der polnischen Intelligenz die Schwächung des polnisches Volks zum Ziel hatte .
Sowohl der Vortrag als auch die Diskussion wurden von Frau Mag. Joanna Ziemska hervorragend gedolmetscht.

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