Von der Familienstiftung im Jahr 1816 bis zur Restitution im Jahr 1995

Dr. Adolf Juzwenko

Am 27. November 2012 fand im Wissenschaftlichen Zentrum der PAW in Wien der Vortrag von Dr. Adolf Juzwenko, Direktor des Ossolineums in Breslau, unter dem Titel „Von der Familienstiftung im Jahre 1816 bis zur Restitution im Jahre 1995. Das Ossolineum am Vorabend des neuen Milleniums“  statt. Dr. Juzwenko, der seit 1990 die Funktion des Direktors von Ossolineum innehat, ist Autor zahlreicher Artikel über die Geschichte der polnischen Literatur. In den Zeiten der Volksrepublik Polen war er ein wichtiger Vertreter der demokratischen Opposition. Der Abend wurde vom Direktor des Zentrums, Prof. Bogusław Dybaś, eröffnet, der den Kontext der Vorlesung vorstellte. Jakub Forst-Battaglia, Enkel des hervorragenden Historikers, Slavisten und Diplomaten Otto, schenkte dem Ossolineum die umfangreiche Bibliothek seines Großvaters, mit dem Wunsch, dass diese Sammlung in Wien verbleibe. Die Direktion des Ossolineums traf die Entscheidung, dass seine Büchersammlung in der Hauptstadt Österreichs im Wissenschaftlichen Zentrum der PAW verbleiben sollte, als Außenstelle des Ossolineums. Im Sommer 2012 wurde dieser reiche Bücherbestand (3.000 Bücher, Zeitschriften etc.) bearbeitet und katalogisiert und steht den interessierten Lesern in der Bibliothek des Zentrums zur Verfügung.

Doktor Juzwenko begann seinen Vortrag mit der Darstellung der Situation der Polen nach den Teilungen, die die die Polen vor der Gefahr der Möglichkeit des Identitätsverlustes unter den neuen politischen Bedingungen stellte. Eine wichtige Waffe im Kampf um ihr Bestehen war die Kultur, was die von der Aufklärung geprägte damalige polnische Elite sehr gut verstand. Einer ihrer hervorragendsten Vertreter, Józef Maximilian Graf Ossoliński, baute in Lemberg (heute Lviv in der Ukraine) eine Bibliothek auf, die zum Ziel hatte, dem breiten Publikum seine wunderschöne Sammlung von Gemälden, Skulpturen, Landkarten, Manuskripten und Büchern zugänglich zu machen. Die wichtigste Bestrebung des Stifters blieb es, seinem Werk eine gute Basis zu sichern. Um diesen Wunsch zu realisieren, verband er seine Sammlung mit der Kollektion des Fürsten Henryk Lubomirski aus Przeworsk, ebenfalls ein großer Mäzen, der zum tatsächlichen Leiter des neu gegründeten Instituts wurde. Obwohl das kaiserliche Patent, das die Stiftung Ossoliński zu gründen erlaubte, bereits 1817 erschien (darin stand auch, dass Ossoliński einen Verlag gründen und eine Zeitschrift veröffentlichen darf), begann die tatsächliche Aktivität des Instituts erst 1827. Nach der Niederlage des s.g. Novemberaufstands (1831) war das Institut bedauerlicherweise seitens kaiserlicher Beamten der Verfolgung ausgesetzt, die bis zum 1848 andauerte. Erst die großen Veränderungen in Österreich nach 1867 ermöglichten, dass die Bibliothek eine Blütezeit erlebte. Damals wurde auch die Sammlung Lubomirskis nach Lemberg gebracht, wo ein Museum unter diesem Namen eröffnet wurde.Das  Ossolineum wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, u.a. durch seine Verlegertätigkeit, zur wichtigsten polnischen Forschungsinstitution. Diese Rolle spielte es auch in der s.g. zweiten Republik (1918-1939). Auch die Besatzer (Sowjetkommunisten und deutsche Nationalsozialisten) zerstörten diese Einrichtung nicht. Nach 1945 wurden etwa 35% der Bestände des Ossolineums von Polen, die gezwungen waren, Lemberg zu verlassen, nach Breslau gebracht. Die verbleibenden Bestände befinden sich bis heute in Lemberg. Im kommunistischen Polen wurde die Bibliothek zu einem Teil der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der nun unabhängig bestehende Verlag setzte seine Aktivitäten unter anderem Namen (Zakład Narodowy im. Ossolińskich-Wydawnictwo) fort. Erst nach der Wende bot sich die Möglichkeit, dass das Institut mittels eines neuen Gesetzes aus dem Jahre 1995  seinen Rang im kulturellen Leben Polens zurückerlangt. Obwohl auch heute der Alltag dieser wichtigen Institution nicht problemlos ist (die vom Verlag herausgegebenen Meisterwerke der polnischen und der weltlichen Klassik erfreuen sich unter den Lesern keiner großen Beliebtheit), traten in letzter Zeit viele positive Initiativen in Erscheinung (2012 fand beispielsweise die  Begegnung der Mitglieder der wissenschaftlichen Räte des Ossolineums und der ukrainischen Stefanyk-Bibliothek statt, die als Schirmherrin des Lemberger Teils des alten Ossolineum den 200-jährigen Gründungstag der Institution mitfeiern will).     

In seinem Vortrag stellte Dr. Juzwenko die Persönlichkeiten der hervorragendsten Kuratoren dieser außergewöhnlichen Sammlung vor. Zu diesen zählt zweifelsohne auch Prof. Mieczysław Gębarowicz, der nach 1945 in Lemberg blieb, um die Bibliothek zu schützen. Obwohl er ein in ganz Europa bekannter Kunsthistoriker war, war er in der kommunistischen Sowjetunion ein einfacher Bibliothekar. Unter den Gästen des Abends war auch Mieczysław Graf Ledóchowski, der letzte finanzielle Kurator der Stiftung.   Mag. Anna Głowacka, die Leiterin der Bibliothek des Zentrums, präsentierte im letzten Teil der Begegnung die Sammlung Otto Forst-Battaglias, von der die wertvollsten alten Drucke, u.a. "Die Chronik Marcin Bielskis", in einer Vitrine ausgestellt wurden. Der Abend wurde mit einem Konzert beendet, Piotr Kościk (Klavier) und Jacek Stolarczyk (Geige) brachten das Caprice Nr. 23 von Nicolo Paganini und Variationen über ein eigenes Thema von Henryk Wieniawski zur Aufführung.

Tadeusz Skwara

fot.: Adam Jaskot

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