Interpretationszugänge zum Werk von Bruno Schulz

Univ.-Prof. Dr. hab. Jerzy Jarzębski

Am 29. November 2012 fand im Wissenschaftlichen Zentrum der PAW der Vortrag von  Prof. Jerzy Jarzębski zum Thema „Interpretationszugänge zum Werk von Bruno Schulz“ statt. Prof. Jarzębski ist ordentlicher Professor an der Jagiellonen-Universität in Krakau, Autor zahlreicher Publikationen und anerkannter „Schulzologe“. Der Abend wurde vom Direktor des Zentrums, Prof. Bogusław Dybaś, eröffnet, der den besonderen Charakter der Begegnung unterstrich. Der Vortrag wurde nur wenige Tage nach dem 70. Jahrestag des Todes von Schulz, der am 19. November 1942 im Drohobyczer Ghetto ermordet wurde, gehalten. Dieser Jahrestag wurde in Drohobycz (Wohnort des Autors, heute Ukraine) feierlich begangen. Der deutsche Text des Vortrags, der von Mag. Joanna Ziemska übersetzt wurde, wurde von Mag. Anna Głowacka, der Bibliothekarin des Zentrums, präsentiert.

Seine Vorlesung begann Prof. Jarzębski mit der Erklärung des Wortes „Paradigma“. Indem er die klassische Definition von Thomas Kuhn zitierte, bezeichnete er ein Paradigma als eine Sammlung von Überzeugungen und Interpretationszugängen, die, auf der Autorität großer Literaturwissenschaftler basierend, gleichsam unverrückbaren Charakter bekommen und von jungen Forschern berücksichtigt werden müssen. Gleichzeitig wird ein Schriftsteller, dessen Werke nicht neu gelesen werden, im kollektiven Gedächtnis sterben. Der Vortragende lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auch auf die Tatsache, dass man die Existenz einer solchen Gruppe von Meinungen beinahe im Falle jedes Autors feststellen kann.

Der folgende Teil der Vorlesung stellte eine höchst interessante und detaillierte Analyse der für Schulz typischen Art dar, eine literarische Welt zu kreieren. Als erstes wurde das Paradigma von Zeit und Raum interpretiert. Die Helden seiner Erzählungen sind Bewohner eines kleinen Städtchens  (oft ist das Drohobycz, das von Schulz so genau beschrieben wurde, dass man, indem man  den Vorkriegsplan dieser Stadt vor sich hat, mit seinen Protagonisten darin spazieren gehen kann), das als ein geschlossener und geordneter Raum beschrieben wird, in dem der Schriftsteller ständig auf der Suche nach einem Asyl ist. Dieses Städtchen übernimmt unter der Feder von Schulz die Rolle des Modells der menschlichen Psyche, deren Bild in seinen Werken (sie wird als Ort beschrieben, an dem verschiedene unkontrollierbare, geheimnisvolle und vor uns selbst verborgene Kräfte wirksam sind) stark von den Konzeptionen Freuds geprägt wird. In gewissem Sinne entspricht der Unterscheidung in geschlossenem (die kleine Welt des Städtchens) und  in  offenem (nur in den Erinnerungen der Protagonisten anwesende große Welt) Raum die klare Differenzierung in die Sphären des Traums und Wachzustands, des Tages und der Nacht, von denen vor allem die letztere den Menschen mit verschiedenen Schichten seines Unterbewusstseins konfrontiert. Schulz selbst, der eine zeitlang Architektur studierte, hielt die Kunst des Bauens für eine wichtige Möglichkeit der Raumgestaltung (in seiner Interpretation war das die Fähigkeit des korrekten Lesens und Bearbeitens verschiedener Zeichen). Angeblich skizzierte er, als er einmal aufgeregt war, heimlich ein kleines Haus auf einem Papierfetzen. Gleichzeitig schreibt die beschriebene literarische Bearbeitung dieses Paradigmas, durch seine Verbindung mit dem Zyklus der vier Jahreszeiten, die Helden in die kosmische Ordnung ein, in der der Tod einen weiteren Teil des Lebens darstellt und jede Tätigkeit sowie jede menschliche Fabel einen wiederholbaren Charakter besitzt. Die Zähmung des Todes sowie die Versöhnung mit der Niederlage ist nur durch die Begegnung mit dem Buch möglich (ein weiteres Paradigma von Schulz), dessen Bild, stark geprägt vom kabbalistischen „Buch des Scheins“ und den Kindheitserinnerungen der Protagonisten, wenngleich fragmentarisch (das Buch verschwand und lässt sich nicht finden), die Aktivität der Helden determiniert und zur Suche danach zwingt. Eine wichtige Rolle spielt auch das Wort, das, indem es die Welt kreiert, ein Werkzeug der Poesie ist, ohne die wir nicht existieren könnten. Für den Schriftsteller ist jeder ein Dichter, der mit dem ihn umgebenden Alltag ringt und vor allem ein Träumender, der die Konstruktion des Alls entziffern will. Mit dem Wort ist bei Schulz die Sphäre der Erotik untrennbar verbunden, der stark verborgenen, mächtigen und alles einigenden Kraft. Dieselbe Funktion des Aneinander-Bindens verschiedener Elemente spielt in seinem literarischen Schaffen Gott-Demiurg, der gleichzeitige Schöpfer der neuen Ordnung und Bewahrer des alten Regimes ist. Jede Innovation ist nur eine Wiederholung früher angetroffener Situationen. Am Ende seines Vortrags unterstrich Prof. Jarzębski, dass die  interpretierten Paradigmen für Schulz in gewissem Sinne ein Mittel zum Ausdruck seiner Wünsche waren, vor allem seiner Sehnsucht nach Anerkennung und Ehre. Diese Einstellung wird ironisch am Beispiel seiner Helden gezeigt, sich selbst gegenüber war der Meister aus Drohobycz jedoch ebenso rücksichtlos.                                                                        

Der Vortrag vom Prof. Jarzębski - obwohl er eine komplizierte Thematik behandelte - wurde vom Publikum lebendig aufgenommen, Ausdruck dessen waren Fragen nach Schulz’ischer Einstellung zu den Habsburgern und nach der Beziehung von Judentum und Christentum in seinem Werk. Der Abend wurde von einem Konzert bekrönt, Piotr Kościk (Klavier) und Jacek Stolarczyk (Violine) spielten das Violinkonzert A-Dur, 1. und 2. Satz von W.A. Mozart.             

Tadeusz Skwara

 

fot.: Adam Jaskot

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