Das Jahr 1918: Anfang und Ende - Österreichische und Polnische Geschichte im Vergleich

Podiumsdiskussion

Im November 2008 jährte sich zum 90. Male das Ende des Ersten Weltkrieges, eines Krieges, der zum Auftakt des 20. Jahrhunderts unendliches Leid über die Menschheit brachte,  über 9 Millionen Menschen das Leben kostete und die  geopolitische, wirtschaftliche und soziale Lage insbesondere in Europa in großem Ausmaß und nachhaltig veränderte - mit all den weit reichenden Folgen, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend prägten.
Aus diesem Anlass lud das Wissenschaftliche Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu einer Podiumsdiskussion, in dessen Zentrum das Ende des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen aus österreichischer sowie aus polnischer Sicht stand. Ziel der Diskussion war es dabei, Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erörtern, die die Situation der beiden Länder im November 1918 sowie deren Auswirkungen bis weit in das 20. Jhdt. charakterisierten. Für Österreich bedeutete der November 1918 das Ende von Österreich-Ungarn und damit der Habsburgermonarchie, deren kulturelle und kulturgeschichtliche Bedeutung für das österreichische Selbstverständnis bis heute prägend ist und deren Existenz über die Grenzen des heutigen Österreichs hinaus überall in Europa, wo sie bestand, bis heute deutlich fühlbar ist. Gleichzeitig bedeutet der November 1918 aber auch den Anfang der Ersten Republik und die Reduktion einer Großmacht auf einen Kleinstaat, eine Begriffsverschiebung zurück zu einem mehr „babenbergischen“, kleineren Österreich. Für Polen hingegen bedeutet der November 1918 zum einen das Ende der Teilungen, zum anderen den Anfang der Entstehung eines unabhängigen polnischen Staates, der II. Polnischen Republik, nach über einem Jahrhundert des Verlustes der staatlichen Souveränität.
Moderator der Diskussion war der Botschafter Dr. Jakub Forst-Battaglia, Historiker und hervorragender Kenner der polnischen und österreichischen Geschichte sowie Diplomat im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten der Republik Österreich. Er übte zahlreiche Funktionen im österreichischen diplomatischen Dienst aus, zuletzt war er österreichischer Botschafter in Estland. Der Einladung zur Diskussion waren vier Wissenschaftler gefolgt, zwei von ihnen polnischer, zwei österreichischer Nationalität - ohne damit freilich eine oberflächlich aus "nationalem" Gesichtspunkt erfolgende Herangehensweise an die Diskussion insinuieren zu wollen - in alphabetischer Reihenfolge: Der Historiker Univ.-Prof. Dr. Gerhard Botz, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, der Historiker, Politologe und Kulturwissenschaftler Univ.-Prof. Dr. Robert Traba, Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, weiters der Historiker Univ.-Prof. Dr. Feliks Tych, Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau i.R. der im Laufe seines Lebens auch zahlreiche Gastprofessuren innehatte sowie der Slawist Univ.-Prof. Dr. Alois Woldan, Professor für Slawische Literaturen an der Universität Wien,  am Institut für Slawistik für polnische Literatur- und Kulturgeschichte verantwortlich.
Nach der Vorstellung der Referenten sowie einer historischen Einführung bezüglich der Situation in den beiden Ländern seitens des Moderators nahmen die Diskutanten in zwei Beitragsrunden zu den Fragen  nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden politischer, geographischer, wirtschaftlicher sowie gesellschaftlicher Natur aus ihrer jeweils persönlichen und fachlichen Sicht Stellung. Ausgehend vom Jahr 1918, so Prof. Botz, verbindet beide Länder das menschliche Leid sowie die immens hohe Opferzahl - ein Umstand, der angesichts der unvergleichlich größeren Katastrophe des 2. Weltkriegs allzu oft in Vergessenheit geriet. Unterschiedlich gestaltete sich hingegen die Grenzziehung der beiden Länder im Laufe des 20. Jhdt.: Während Österreich - mit Ausnahme der "Unterbrechung" während des Anschlusses der Jahre 1938 - 1945  -  in den nach dem Ende des Ersten Weltkriegs festgesetzten Grenzen verblieb - erfuhr Polen nach dem Zweiten Weltkrieg eine dramatische Verschiebung seiner Grenzen, die auch mit großen ethnischen Veränderungen und Umsiedlung der Bevölkerung verbunden war. Teils ähnlich, teils unterschiedlich verlief die politische Entwicklung: die Zwischenkriegszeit war in Mitteleuropa insbesondere in den Dreißigerjahren von zunehmend autoritär geprägten Regimen geprägt, eine Entwicklung, die auch vor Polen und Österreich nicht Halt machte. Ganz anders hingegen, verlief, wie bekannt, die politische Geschichte der beiden Länder nach dem Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam ist beiden Ländern nach dem Ersten Weltkrieg zum einen, dass ihre Gesellschaften zutiefst von der katholischen Religion und Tradition geprägt waren, zum anderen der bedeutende Einfluss und Stellenwert der jüdischen Bevölkerung und Kultur, worauf insbesondere Prof. Tych hinwies. Aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers analysierte Prof. Woldan die historische Entwicklung beider Länder, wobei er insbesondere auf die diversen Mythen in der Literatur, in denen sich die historischen Ereignisse widerspiegeln und die von der Literaturwissenschaft ausführlich beschrieben wurden, einging - der berühmteste von ihnen ist wohl der als Mythos Habsburgs bezeichnete Mythos, der im Jahr 1966 erstmals vom Triester Germanisten Claudio Magris beschrieben wurde. Bezüglich der polnischen Literatur hob Prof. Woldan zwei Mythen hervor: zum einen den Mythos der verlorenen einstigen Größe, zum anderen jene der Katastrophe der Teilungen und des Verlustes der staatlichen Souveränität, ja Freiheit.
Nach den beiden Diskussionsrunden am Podium hatte abschließend das Publikum in einer allgemeinen Fragerunde Gelegenheit, Fragen zu stellen bzw. eigene Sichtweisen zu ergänzen. Als besonderer Ehrengast nahm Seine Exzellenz Dr. Jerzy Margański, Botschafter der Republik Polen in Österreich, zu den Redebeiträgen Stellung und wies u. a. auf die interessante Gemeinsamkeit des EU-Skeptizismus in Polen und Österreich hin - freilich mit dem Unterschied, dass in Österreich der EU-Skeptizismus in der Bevölkerung betrifft, in Polen hingegen die politische Führungsschicht.

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