Karl Lanckoroński – „Der letzte Humanist der europäischen Aristokratie“

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Kunstreisen und wissenschaftliche Expeditionen

Bereits sehr früh, während seiner Schulzeit, begann sein Interesse an der Antike. Kunst und Literatur des antiken Griechenlands und Roms formten seine ästhetischen Ansichten und wurden zum Bezugspunkt sowie zu einem festen Kriterium bei der Bewertung sämtlicher Kunstwerke. Sämtlichen Versuchen der Kritik an der klassischen Ästhetik begegnete er mit Ablehnung. Ein wichtiger Faktor, der sein Interessensprofil formte, waren „weite Reisen, die vom geliebten italienischen Boden über alles Kulturgebiet alter und neuer Welt sich erstrecken.“ Sie „haben sein Weltbürgerturm gestärkt, die Weite seines künstlerischen Blickes gesichert.“ [25] Er bereitete sich immer sorgfältig darauf vor, oft wurde er von Künstlern oder Kunsthistorikern begleitet. „Er fühlte sich überall dort […] gut, wo das alte Europa seine Wurzeln hatte. Aus Amerika floh er nach kurzem Aufenthalt. Er kannte die Nostalgie nicht, mit der Gott meine Generation so großzügig beschenkt hatte“ schrieb Karolina Lanckorońska über ihren Vater. [26] Häufigstes und wichtigstes Ziel seiner Reisen war Italien, „dessen Geschichte und Denkmäler er […] in so hohem Maße beherrscht, daß er zu den besten Kennern des Landes und seiner Kunst zu zählen ist“ [27], wobei Kunst und Kultur Italiens für ihn stets ein Maßstab für die Errungenschaften anderer Länder und Zivilisationen waren. „Denjenigen, welche möglicher Weise an den häufigen Vergleichen, besonders mit Gegenden und Kunstwerken in Italien, Anstoss nehmen, möchte ich antworten, dass Italien eben auch ein Maassstab (sic) und vielleicht nicht der schlechteste ist …“, schrieb der Graf. [28] Gewiss entstand in Italien sein Interesse an der Malerei des italienischen Cinquecento, die Bilder der so genannten italienischen „Primitiven“ wurden mit der Zeit zu einem der wichtigsten Teile seiner berühmten Sammlung.
Im Jahre 1874 unternahm er eine Reise nach Griechenland [29], im selben Jahr verbrachte er einen Monat in Italien, im Frühling 1875 trat er neuerlich eine Reise nach Italien an. Nach seiner Rückkehr reiste er gemeinsam mit Hans Makart nach Spanien. Ende 1874 reiste er, wiederum in Begleitung von Makart, nach Ägypten. In Kairo traf er die Architekten und Maler Eduard Kaiser, Adolf Gnauth, Rudolf Huber, Franz von Lenbach und Leopold Carl Müller. [30] Seine nächste Kunstreise führte ihn nach Palästina und Syrien, im Jahre 1877 besichtigte er u.a. Beirut und Damaskus. [31]
1882 initiierte er systematische archäologische Forschungen im Gebiet der heutigen Südwesttürkei entlang der Mittelmeerküste. Er nahm an der von Otto Benndorf geleiteten archäologischen Expedition nach Lykien teil. Diese Expedition unterstützte er auch finanziell. Im Herbst 1882 reiste er neuerlich nach Kleinasien, u. a. in Begleitung des Anthropologen und Ethnografen Felix Luschan und des Malers Leopold Bar. Im Oktober war er in Adalia (Antalya), wo er sich länger aufhielt, von dort unternahm er kurze Ausflüge nach Pamphylien. In den ersten Märzwochen des Jahres 1883 besichtigte er Kilikien und kehrte nach Wien mit dem Plan zurück, „so bald als möglich an der Spitze einer wissenschaftlichen Expedition wiederzukehren, welche die Aufnahme und Beschreibung der klassischen pamphylischen Ruinenstätten und der in den sie umgrenzenden pisidischen  Bergen befindlichen zum Zwecke haben sollte.” [32]   
Im März 1884 unternahm er eine zweiwöchige Reise nach Südfrankreich, wo er in Avignon, Orange, Arles und Nîmes die Überreste der römischen Zivilisation besichtigte. Dort traf er auch den Architekten Henri Revoil, der sich u.a. mit der Restaurierung antiker Denkmäler beschäftigte. Alle Kräfte und Mittel widmete er jedoch der Organisation einer größeren Forschungsexpedition. Dieses Vorhaben verwirklichte er im Herbst 1884. An der Expedition vom September bis Dezember 1884 nahmen Felix Luschan, Professor Marian Sokołowski, George Niemann, Eugen Petersen, Wilhelm von Hartel sowie der Architekt und Fotograf Moritz Hartel teil. Zum Chronisten der Expedition wurde der Maler Jacek Malczewski. [33] An der ersten Etappe nahm auch der griechische Landschaftsmaler Angelos Giallina teil, den Lanckoroński bereits vor Ort „zur Aufnahme der Aussichten“ [34] engagierte. Das Reisetagebuch führte Marian Sokołowski [35], auch Karl Lanckoroński hielt seine Eindrücke schriftlich fest. [36] Die Expeditionsteilnehmer machten sich die Bestandaufnahme der antiken Denkmäler in Aspendos, Adalia, Sagalassos, Termessos, Side, Perge, Selge i Pandelissos zur Aufgabe, wobei die Arbeiten den Beginn weiterer umfangreicher angelegter Forschungen darstellen sollten.
Im November machten sich Eugen Petersen, Felix Luschan und Wilhelm von Hartel aus Sagalassos auf den Rückweg. Lanckoroński, Malczewski und Sokołowski brachen hingegen nach Konya auf. Die begonnenen Arbeiten wurden während der darauffolgenden, ebenfalls von Karl Lanckoroński finanzierten Expedition, die im September 1885 [37] begonnen wurde, weitergeführt. Der Graf nahm nicht daran teil, die Leitung übernahmen Eugen Petersen und George Niemann.
Die in Pamphylien und Pisidien gewonnenen Forschungsergebnisse wurden in einer großartigen Publikation von fundamentaler Bedeutung für kommende Forschergenerationen dieser Region veröffentlicht. Das Werk erschien unter dem Titel Städte Pamphyliens und Pisidiens und wurde von Karl Lanckoroński redigiert und finanziert. [38] Der Name Lanckoroński wird seitdem allgemein mit den Errungenschaften der deutschen und österreichischen Archäologie in Anatolien assoziiert, der Erfolg seiner archäologischen Expeditionen öffnete ihm den Weg auf den wissenschaftlichen Parnass. Er wurde zum Mitglied des deutschen und österreichischen Archäologischen Instituts, im Jahre 1891 wurde er zum Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Künste (PAU) in Krakau gewählt [39], und 1893, „wegen seiner hervorragenden Verdienste um die Geschichte des Altertums und um die Ehre unseres heimatliches Studienwesens“ [40] – zum korrespondierenden Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Am 25. März 1907 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Jagiellonen-Universität in Krakau verliehen. [41] Dieser Titel wurde ihm auch von der Universität in Berlin verliehen. [42] Seinen Ruhm als Forscher und Kenner der Antike festigten auch die von ihm finanzierten Arbeiten der Restaurierung des Doms in Aquileia, die von George Niemann und Heinrich Swoboda durchgeführt wurden. Deren krönenden Abschluss stellte eine weitere bemerkenswerte Publikation, Der Dom zu Aquileia dar, die 1906 veröffentlicht wurde. „So hat er sich in diesen zwei großen Werken ein bleibendes wissenschaftliches Denkmal gesetzt.“ [43]
Eine weitere Kunstreise führte den Grafen nach Nordafrika. Im Jahre 1887 besuchte er die altrömische Städte Biskra, Batina, Constantine, Hippo und traf den französischen Archäologen und berühmten Karthagoforscher Alfred Louis Delâttre. Im Juni 1887 begab sich Lanckoroński über Dresden und Hamburg nach England, Dänemark und Schweden. Er besuchte u.a. Glasgow, Kopenhagen, Malmö und Lund. [44] Seiner großen Weltreise lagen keine konkreten Forschungsabsichten zugrunde, sie war eher von Erkenntnischarakter. Im Dezember 1888 brach der Graf von Marseille aus nach Colombo auf. Im August 1889 kam er mit dem Schiff in Southampton an, von dort aus kehrte er über London nach Wien zurück. Die Route führte von Ceylon ins Landesinnere von Indien, zur afghanischen Grenze, dem Himalaya entlang nach Kalkutta und Darjeeling, weiter nach Singapur, Hongkong, China und Japan. Am 24. Juni 1889 bestieg er in Yokohama ein Schiff nach San Francisco und reiste innerhalb eines Monats mit der Bahn von West nach Ost durch die USA.
Seine Reisen boten Lanckoroński die Gelegenheit, seine Sammlungen zu erweitern. „Die künstlerischen Trophäen“ seiner Expeditionen nach Kleinasien stellte er im Jahre 1885 im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie aus. Die Altertümer sowie kunsthandwerkliche Gegenstände der damaligen Zeit, die er auf der Weltreise erworben hatte, wurden 1890 in der Ausstellung des Wiener Handelsmuseums präsentiert. [45]
Die Weltreise war seine letzte lange Reise, er verzichtete jedoch nie auf kürzere Expeditionen. Im Jahre 1891 war er gemeinsam mit dem Bildhauer Caspar Zumbusch auf Korfu und in Albanien. [46] Im Sommer 1912 reiste er mit seinem Sohn über Berlin und Hamburg nach Glasgow, Edinburgh, danach nach Island. [47] Im Mai 1929 brach er nach Spanien und Portugal auf, auf dieser Reise begleitete ihn seine Tochter Karolina. Für seine Reise nach Südamerika, die er bereits im Alter von über 80 Jahren plante, reichte jedoch seine Kraft nicht mehr. Es war ihm nicht einmal mehr vergönnt, diese Reise anzutreten.

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