Karl Lanckoroński – „Der letzte Humanist der europäischen Aristokratie“

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Unter Gelehrten und Künstlern

Von Hans Tietze wurde Lanckoroński als „Kunstgraf” bezeichnet. [48] Hohen Ansehens erfreute sich der Graf nicht nur unter Archäologen, sondern auch unter Kunsthistorikern, wenngleich er eher ein Kunstkenner als ein Gelehrter mit den für das jeweilige Fach charakteristischen Forschungsmethoden und Arbeitsweisen war. In seiner umfangreichen Korrespondenz sind Namen wie Wilhelm von Bode, Cornelius Gurlitt, Gustav Glück, André Hallays, Henri Michel und Hans Tietze zu finden. Ein Beweis für den langjährigen Kontakt zu Max Dvořák sind die 218 Briefe, die dieser Wiener Gelehrte an den Grafen schrieb. Den Krakauer Forschern stand er mit Rat und Tat zur Seite und erörterte verschiedene künstlerische Initiativen mit den Experten aus Galizien und Krakau. Marian Sokołowski ersuchte ihn um die Übermittlung der Satzung der kaiserlichen Museen, die als Muster für das Nationalmuseum in Krakau dienen sollte. [49] Lanckoroński wurde auch zum Berater bezüglich der neu entstehenden Einrichtung [50] und beteiligte sich an den Diskussionen über den Standort des Adam-Mickiewicz-Denkmals in Krakau. Im Jahre 1889 entschied er über die Auswahl der polnischen Kunstwerke für die Ausstellung im Wiener Künstlerhaus. Er war Stifter und Schöpfer des Entwurfs für das Grabmal von Königin Hedwig, das 1901-1902 in Rom von Antoni Madeyski ausgeführt wurde. [51] Für die Wawel-Kathedrale stiftete er auch eine Grabplatte für Kardinal Zbigniew Oleśnicki, die von Caspar Zumbusch angefertigt wurde. Lanckoroński finanzierte die 1881-1906 in Berlin und Paris abgenommenen Gipsabgüsse der wichtigsten Skulpturen der Antike und Renaissance, die den Ausgangspunkt für die Bibliothek und die Sammlungen des im Jahre 1884 gegründeten Kabinetts für Kunstgeschichte der Jagiellonen-Universität bildeten. Marian Sokołowski schlug vor, diese in den Sälen und im Arkadenhof des Collegium Iuridicum in der Grodzkastraße auszustellen und imaginierte bereits die Inschrift „Museum Lanckoronnum” mit dem Motto der Familie Lanckoroński „Flammans pro recto” [52] unter dem Universitätswappen am Haupteingang des Gebäudes. Das Skulpturenensemble, das die Grundlage des Museums hätte darstellen sollen, bekam die Öffentlichkeit im Jahre 1907 anlässlich der Ausstellung in den Sälen der Gesellschaft der Freunde der Bildenden Künste in Krakau zu Gesicht. [53]
Von den Professoren der Jagiellonen-Universität kannte Lanckoroński nicht nur Marian Sokołowski. Er hatte auch Kontakte zu Jerzy Mycielski und weiteren Italophilen. Julian Klaczko lud er nach Rozdół ein und traf sich mit ihm auch in Italien.
Lanckoroński war Initiator der Gesellschaftsabende Österreichischer Kunstfreunde, [54] deren Ziel es war, „Kunstforschern, -liebhabern und  –sammlern, sowie allen Personen, die an der Kunst der vergangenen Epochen von ihren Anfänge bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts interessiert waren, die Gelegenheit zu bieten, sich zu treffen und Gedanken auszutauschen“. Dieser Verein organisierte u.a. Vorträge. Unter den Referenten ist auch Karl Lanckoroński öfters zu finden. Im Dezember 1900 zeigte er Fotografien von alten Wiener Häusern [55], die mit Sicherheit von August Stauda aufgenommen worden waren. Dies stand mit der groß angelegten Initiative gegen die Zerstörung alter Häuser in Zusammenhang, die, wie auch in anderen europäischen Metropolen, neuen Verkehrsadern und Gebäuden weichen sollten sollten (vgl. u.a. die Beiträge, die von Lanckoroński in Zur Rettung Alt-Wiens veröffentlicht wurden [56]). Am 12. Februar 1901 hielt er einen Vortrag über japanische Malerei [57], am 12. März 1903 über indische Bildhauerei [58], am 20. März 1905 über italienische cassoni. [59] Am 20. Februar 1906 präsentierte er gemeinsam mit Heinrich Swoboda die Publikation Der Dom zu Aquileia. Am 30. März 1908 stellte er Einige kleinere niederländische Gemälde und solche verwandter Herkunft dar. Seine Vorträge illustrierte er mit Hilfe ausgewählter Kunstwerke aus seinen privaten Sammlungen.
Karl Lanckoroński pflegte Beziehungen zu Künstlern, über seine Freundschaft mit Caspar Zumbusch und Jacek Malczewski wurde geschrieben. Er unterstützte sie finanziell, protegierte sie und kaufte ihre Kunstwerke. Er kannte Arnold Böcklin. [60] Im Atelier von Hans Makart „erlebte er viele schöne Momente.“ [61] Er nahm mit Sicherheit an dessen berühmten historischen Aufführungen teil. 1876 nahmen beide an der berühmten Uraufführung von Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen teil, mit der die Bayreuther Festspiele eröffnet wurden.
Lanckoroński besuchte auch häufig den Maler und Professor an der Akademie der bildenden Künste Kazimierz Pochwalski in seinem Haus in Wien. [62] Er kannte Henryk Rodakowski, der sich oft auf dem Landgut der Familie Lanckoroński in Rozdół aufhielt, wo beide Fotografien aus der berühmten Fotothek betrachteten und lange Gespräche über Kunst führten. [63] Den Gesprächen hörte Jacek Malczewski zu, der gleichzeitig Skizzen davon anfertigte. Lanckorońskis Freundschaft mit Malczewski dokumentieren 200 Zeichnungen und ein gutes Dutzend von Ölbildern, die während der Besuche des Malers in Rozdół oder im Auftrag des Grafen entstanden.
Lanckoroński kannte auch viele Literaten, er hatte Kontakte zu Hugo von Hofmannsthal, der im Mai 1902 einen Vortrag im Palais Lanckoroński in der Jacquingasse hielt. [64] Er kannte auch Rainer Maria Rilke, dem er einmal seine Gedichte schenkte. Dieser soll sich positiv darüber geäußert haben. Er widmete dem Grafen eines seiner Werke. Das Motto dieses Gedichts war die erste Zeile eines Gedichts von Lanckoroński: Nicht Geist, nicht Inbrunnst. [65] Der Graf war auch mit dem österreichischen Dichter Max Mell befreundet und korrespondierte mit Max Kalbeck. Wahrscheinlich lernte er auch Maurice Maeterlinck kennen, vorausgesetzt, dass es tatsächlich zu einem Treffen der beiden kam, das Hugo von Hofmannsthal im Jahre 1903 hätte arrangieren sollen. [66] Lanckoroński selbst schrieb häufig Gedichte. Zweifelsohne handelte es sich dabei um Gedichte, die nur im engen Bekanntenkreis vorgelesen wurden und nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren. [67] Kurze Kommentare in Versform sind auf der Rückseite von Fotografien, die er seinen Freunde sandte, zu finden. Zu seinen Lieblingsdichtern gehörte Johann Wolfgang von Goethe, dessen Gedichte der Graf aus dem Gedächtnis rezitieren könnte. Lanckoroński war auch einer der ersten Mitglieder des im Jahre 1878 gegründeten Goethe-Vereins in Wien.

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