Kollektives Gedächtnis und historische Erinnerung

Univ.-Prof. Dr. Andrzej Radzimiński

Am 13. Juni 2013 hielt Prof. Dr.  Andrzej Radzimiński im Rahmen des Vortragszyklus der Kopernikusvorlesungen im Wissenschaftlichen Zentrum einen Vortrag zum Thema "Kollektives Gedächtnis und Erinnerung - Über die Gründe für das Vergessen der Vergangenheit." Der Direktor des Zentrums, Prof. Bogusław Dybaś, begrüßte die Gäste und stellte den Referenten vor. Professor Radzimiński ist Professor an der Nikolaus Kopernikus-Universität in Thorn und stand dieser von 2008-2012 als Rektor vor.
Professor Radzimiński erläuterte in seinem Vortrag unterschiedliche Aspekte des Vergessens in der Geschichte sowie die Ursachen dieses Phänomens. Er analysierte die Quellen des Erinnerns und des Vergessens, wobei er sich auf historische, anthropologische und philosophische Forschungen stützte. Er führte zahlreiche Beispiele an, u.a. die mittelalterliche Memoria, die deutsche Historiographie des 19. Jahrhunderts, die Philosophie des 20. Jahrhunderts sowie Ereignisse des 20. Jahrhunderts wie den Stalinismus, Holocaust und die polnisch-jüdischen Beziehungen im Zweiten Weltkrieg sowie in der Nachkriegszeit. Er verwies u.a. auch auf die Forschungen von Vladimir Jankélévitch (1903-1958), denen gegenüber er jedoch einen kritischen Standpunkt bezog. Sich auf Simonides sowie auf den anonymen Verfasser der „Rhetorica ad Herennium” beziehend stellte der Referent fest, dass man sich bereits in der Antike der Bedeutung der ars memoriae bewusst war.  Über die Bedeutung von Erinnern und Vergessen schrieben u.a. auch der Hl. Augustinus (magna vis est memoriae), Maurice Halbwachs (der den Begriff des kollektiven Gedächtnisses prägte) und Otto Oexle (der die Anfänge der Memoria analysierte). Der Referent sprach weiters über das Problem des Vergessens in der Geschichte von den Anfängen der Menschheit bis heute bzw. bis zu Ereignissen unserer jüngeren Vergangenheit (Diktatur  Francos - Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco und Bahamonde Salgado Pardo, Ereignisse in Jedwabne). Die vergessene Geschichte führt zu einer subjektiven, oftmals unrichtigen Interpretation der Ereignisse. Die kollektive Erinnerung an die Vergangenheit ist ein dynamisches Phänomen, das selbst dem Vergessen unterliegen kann. In diesem Zusammenhang wurde auf die damnatio memoriae verwiesen.
In der Diskussion nach dem Referat fragten die Teilnehmer u.a. nach dem Phänomen des Vergessens seitens des polnischen Volkes und nach der Subjektivität der Geschichte und deren Interpretation. Von Interesse war auch die Problematik des Einflusses subjektiver Erinnerungen auf die Entstehung des Geschichtsbildes. Auch wurde die Frage gestellt, inwieweit es für die Historiker möglich ist, historische Ereignisse objektiv zu interpretieren. Auch nach der Vertrauenswürdigkeit von Quellen wurde gefragt, beispielsweise nach jener von Briefen, wobei der Referent deren Objektivität grundsätzlich in Frage stellte.
Zum Abschluss des Abends spielte Anna Gutowska, Violine, ein Hebräisches Lied von Alexi Matchavariani Doluri.

Lidia Gerc

Photos: Adam Jaskot

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