Polnischer Sarmatismus und der Entsatz von Wien 1683

Vom 16. September bis zum 18. September 2013 fand im Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften eine Tagung zum Thema „Polnischer Sarmatismus und der Entsatz von Wien 1683“ statt, die vom Wissenschaftlichen Zentrum in Zusammenarbeit mit dem Institut für Slawistik der Universität Wien organisiert wurde. Deren Ziel war die Auseinandersetzung  mit der sarmatischen Kultur aus der Perspektive von Literatur, Kunst und Alltagskultur anlässlich des 330. Jahrestages der Schlacht bei Wien. An der Konferenz nahmen polnische, österreichische, deutsche und Schweizer Referenten teil. Die Tagung wurde simultan gedolmetscht.

Am Vormittag vor dem offiziellen Tagungsbeginn hatten die Konferenzteilnehmer Gelegenheit, die Hofjagd- und Rüstkammer zu besuchen, wo sie deren Direktor Dr. Matthias Pffafenbichler durch die Sammlung führte. Er wies die Besucher auf die Kunstschätze aus dem einstigen polnisch-litauischen Gebiet, beispielsweise den Prunkharnisch von Nikolaus Radziwill oder Turnierharnisch von Albrecht von Brandenburg-Ansbach, hin.

Die Konferenz wurde vom Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Bogusław Dybaś, und dem Vizedirektor des Instituts für Slawistik, Prof. Alois Woldan, eröffnet. In seinem Vortrag: „Wiener Dilemmata – der Entsatz von Wien in der polnischen Geschichte und Erinnerung“ machte Prof. Dybaś die Zuhörer darauf aufmerksam, dass sofern die Schlacht selbst sowohl für die Polen als auch für die Österreicher ein Erinnerungsort darstellt, der Schwerpunkt je nach Perspektive auf verschiedene Aspekte gelegt wird. Es kommt hier zu einer Art der Erinnerungskonkurrenz. Während sich die Polen hauptsächlich auf den Entsatz von Wien und König Johann III. Sobieski konzentrieren, spielt für die Österreicher die Erinnerung an die Belagerung und Verteidigung von Wien eine große Rolle. Das Aufeinandertreffen des polnischen und österreichischen kollektiven Gedächtnisses sowie die Präsenz des Sarmatenkönigs in dem kollektiven Gedächtnis der Österreicher an die Schlacht wurden am Beispiel der in Österreich publizierten Biografien von Johann III. Sobieski veranschaulicht. Joanna Orzeł (Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn) setzte sich in ihrem Referat: „Auf der Suche nach den Vorfahren – über den Mythos der Entstehung der Nation und des Adelsgeschlechtes in der adeligen Kultur“ mit der Frage der Genese und der Adaption des Begriffs des Sarmatismus und der Theorie der sarmatischen Herkunft von Polen in der Kultur des 15. und 16. Jahrhunderts auseinander. Eine interessante Fortsetzung dieser Problematik stellte das Referat von Prof. Hans Jürgen Bömelburg (Justus-Liebig-Universität Gießen): „Antemurale-Konzepte und die gotischen Krieger Jan Sobieskis: das Selbstverständnis polnischer Militäreliten im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts“ dar, in dem der Referent die Frage der Goten und Vandalen als ein wesentliches Element der Rhetorik und Propaganda im 17. Jahrhundert vorstellte. Er sprach das gotische Problem in der Nationalmythologie der skandinavischen Länder an und wies nach, das das „gotische“ Erbe ebenfalls von Johann III. Sobieski in seiner Propaganda genutzt wurde. In der Diskussion wurde auf diese Frage zurückgegriffen, indem diese Art der Rhetorik des Königs mit seinen Eroberungsplänen bezüglich des Herzogtums Preußen in Verbindung gebracht wurde.

Prof. Alois Woldan (Universität Wien) griff in seinem Referat: „Die Befreier Wiens – die Helden von 1683 aus polnischer, österreichischer und ukrainischer Perspektive“ das Thema der Helden des Entsatzes von Wien im Kollektivgedächtnis einzelner Nationen wieder auf, indem er den anlässlich des Jahrestags der Schlacht entstandenen Diskurs einer vertieften Analyse unterzog. Neben der Darstellung von König Johann III. Sobieski aus der polnischen Perspektive und von Kaiser Leopold sowie Karl Alexander von Lothringen aus dem österreichischen Blickwinkel erfolgte auch die Präsentation des Standpunkts der Ukrainer zur Schlacht bei Wien und zu ihrem Helden, Georg Franz Kolschitzky, der bei Sambir geboren wurde und als Dolmetscher sowie Spion für den polnischen König Johann III. Sobieski tätig war. Konrad Pyzel (Palastmuseum Wilanów) verglich in seinem Referat: „Der hundertste Jahrestag des Entsatzes von Wien als Beispiel der Geschichtspolitik in der Epoche von Stanisław August“ die offiziellen Feierlichkeiten, die in Schulen begangen werden und als Paradebeispiel für die bewusste Propaganda der Kommission für nationale Bildung fungieren, mit den privaten Feierlichkeiten, die Adam Kazimierz Czartoryski und Karol Stanisław Radziwiłł initiierten. Er wies auf die Vielfalt der Bedeutungen, die die Organisatoren der Feier der Schlacht bei Wien beimaßen, hin. Für den König stellte sie eine Möglichkeit dar, den Mythos von Johann III. Sobieski zu nutzen, um die eigene Person in besserem Licht erscheinen zu lassen. Für Czartoryski war sie wiederum ein Vorwand, patriotische Feiern zu veranstalten und für Radziwiłł, den Erben des Eigentums und der Traditionen der Familie Sobieski, eine Gelegenheit, seiner Macht und Liebe zur sarmatischen Geschichte und Kultur durch die Vorbereitung der Ausstellung „Erinnerungsthron“ Ausdruck zu geben. In der anschließenden Diskussion rief die Frage der „Materialisierung“ der ukrainischen Erinnerungspolitik in Wien eine große Erregung unter dem Publikum hervor. Als Beispiel wurde hier das Kosakendenkmal am Leopoldsberg angeführt.

Der zweite Tag der Konferenz begann mit einer Podiumsdiskussion über die sarmatische Mentalität. Prof. Stanisław Roszak (Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn) hielt einen Vortrag zum Thema: „Das Selbstbildnis der Sarmaten. Ego-Dokumente des Adels aus dem 17. und 18. Jahrhundert“, in dem er die Frage der Analyse von silva rerum als eine historische Quelle besprach. Er ordnete auch das adelige silva rerum in den europäischen Kontext der in der Neuzeit populären „Hausbücher“ ein und betonte gleichzeitig ihre besondere Bedeutung in der polnischen Kultur als Beispiel für Trivialliteratur. Am Beispiel der Werke von Kochowski schilderte Prof. Krzysztof Koehler (Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau) in seinem Referat: „Wespazjan Kochowski und die Tradition der historischen Mission der Sarmaten“, wodurch die adelige Identität zur Zeit des Entsatzes von Wien geprägt war und wie der Adel seine Rolle und Bedeutung in Europa sah. Der Referent stellte die These auf, dass die von ihm analysierte „polnische Psalmodie“ eine Art des Testaments des polnischen Sarmatismus darstellt.

Prof. German Ritz (Universität Zürich) hielt ein Referat zum Thema: „Zwischen Faszination und Kritik – erzählter Sarmatismus bei Rzewuski und Kraszewski“, in dem er sich mit der Rezeption des Sarmatismus in der polnischen Literatur des 19. Jahrhunderts sowie mit der Veränderung seines Bildes in einzelnen Werken beschäftigte. Er betonte die moderne Betrachtungsweise der sarmatischen Ideologie und Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts von Józef Kraszewski, der die Geschlechtsordnung umkehrte und auf die Sachsenzeit aus der Perspektive einer Frau blickte. Während der abschließenden Debatte lösten die historischen Romane von Kraszewski die größten Emotionen aus. Die Diskutanten waren sich darüber einig, dass sie als künstlerische Darstellung des Sarmatismus von den Forschern unterschätzt werden.

Im Rahmen der letzten Podiumsdiskussion am zweiten Tag der Konferenz wurde die Frage der Geschichte des Essens als mögliche Betrachtungsweise der sarmatischen Kultur im Alltag erläutert. Für Prof. Jarosław Dumanowski (Nikolaus-Kopernikus-Universität), der das Referat: ‚„Der französische Koch”. Das Kochbuch von Jan III. Sobieski‘ hielt, wurde die Titelsammlung der Kochrezepte zum Vorwand, die Studien über den damals modischen Geschmack, die als weiterer Schlüssel zum Verständnis der Vergangenheit fungieren sollten, zu reflektieren. Der Referent stellte auch fest, dass die Regierungszeit des Königs Sobieski sowie die Jahren kurz vor seiner Krönung der traditionellen Küche, die noch ihre Wurzeln in Mittelalter und Renaissance hatte, ein Ende setzten. Diese These wurde zum Ausgangpunkt der Überlegungen zu den kulinarischen Moden. Mag. Marta Sikorska (Institut für Geschichte und Archivistik der Nikolaus-Kopernikus-Universität) analysierte in ihrem Vortrag: „Die Kenntnis Polens und der polnischen Küche in deutschen Kochbüchern der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts“ die Kochrezepten für die Speisen „auf polnische Art“, die in Deutschland zu dieser Zeit erschienen. Sie kam zu dem Schluss, dass die in der Soße auf der Basis von Zwiebeln gekochten Süßwasserfische die wichtigste Speise waren, mit der die Deutschen die Adelsrepublik assoziierten. Am Beispiel der Kochrezepte wurde die Frage des Essens als Element der Stereotype über die fremden Nationen erörtert. Dr. Dorota Lewandowska (Nikolaus-Kopernikus-Universität,) griff in ihrem Vortrag: „Ein süßer Ungar und ein saurer Franzose. Wein als Element der sarmatischen Kultur“ auf die Geschichte des Konsums dieses Getränks in Polen zurück. Sie befasste sich auch mit der These, dass die Auswahl einer konkreten Getränkesorte den politischen Ansichten des jeweiligen Konsumenten entsprach. Der Verzehr von schweren, ungarischen Tokaiern sollte von Traditionsgebundenheit zeugen, französische Champagner wurden mit dem aristokratischen Kosmopolitismus identifiziert. In der Diskussion nach diesem Panel wurden die Probleme der Trinksucht, Gefräßigkeit, Fettleibigkeit sowie des Umgangs mit Alkohol als Heilmittel angesprochen. Die Frage der Fettleibigkeit löste eine Debatte über den Zusammenhang zwischen der Veränderung der Essgewohnheiten und der Veränderung des Schönheitsideals sowie der Lebenserwartung aus.

Am letzten Tag der Konferenz wurden die Referate in zwei Sessionen vorgetragen, von denen die erste der Frage der sarmatischen Kleidung gewidmet war. Sie wurde von einem Referat von Prof. Anna Sieradzka (Universität Warschau): „Die letzten „weiblichen Sarmaten” – Nationalelemente in der Bekleidung der Polinnen im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts“ eröffnet, in dem die Autorin aufgrund der Analyse satirischer Werke und Sargbildnisse die Rezeption der französischen Mode von den Edelfrauen besprach. Um diese der polnischen Mode gegenüberzustellen, beschrieb sie auch die traditionelle polnische Frauenkleidung. Dr. Anna Straszewska (Institut für Kunst, Polnische Akademie der Wissenschaften in Warschau ) setzte sich in ihrem Vortrag: „Die polnische Kleidung des 17. Jahrhunderts in den Werken historischer Maler im 19. Jahrhundert am Beispiel der Darstellungen des Entsatzes von Wien“ mit dem Problem der Darstellung der Husarenflügel und der altpolnischen Kleidung in der historischen Malerei auseinander. Die Referentin diskutierte auch die Schwierigkeiten der Maler: Jan Matejko, Juliusz Kossak und Józef Brandt, entsprechendes ikonographisches Material für ihre Bilder zu finden. In ihrem Vortrag wurde auch veranschaulicht, wie sich die Darstellung von Johann III. Sobieski von einem nach den antiken Mustern stilisierten Führer zu einem historisch dokumentierten König in der traditionellen altpolnischen Kleidung änderte. Die abschließende Diskussion betraf die Schuhe der adeligen Frauen sowie die mögliche, symbolische Bedeutung der Husarenflügel.

In der letzten Podiumsdiskussion griff Prof. Lidia Wiśniewska (Kazimierz-Wielki-Universität in Bydgoszcz) in ihrem Referat: „Sarmatismus neu gesehen – Beispiele aus der polnischen Gegenwartsliteratur“ die Frage der Neudefinierung des Sarmatismus in solchen Werken, wie: „Die Auserwählten in der Nähe von Wien. Heldenkomödie in 5 Aufzügen“ von Ludwik Hieronim Morstin, „Robotermärchen“ und „Kyberiade“ von Stanisław Lem,  sowie „Lubiewo” und „Barbara Radziwiłłówna aus Jaworzno Szczakowa” von Michał Witkowski auf. Die Wissenschaftlerin legte den Schwerpunkt auf die Infragestellung der Werte der sarmatischen Ideologie und die Anwendung ihrer äußeren Staffage als Quelle der Komik. Prof. Alexander Fiut (Jagiellonen-Universität Krakau) beschäftigte sich in seinem Referat: „Neosarmatismus?“ mit der Popularität der sarmatischen Ideologie in den Rechtsbewegungen der Gegenwart. Seiner Meinung nach resultiert das Zurückgreifen auf die sarmatische Tradition aus dem Gefühl der erschütterten Identität sowie der Bedrohung und aus dem Streben nach Anerkennung. In der Diskussion wurden viele Fragen nach der Konstituierung des sarmatischen Mythos und nach der Definition des „Sarmatisch–Seins“, auf der der öffentliche Diskurs basiert, gestellt.

Die Konferenz wurde mit einem Resümee von Prof. Bogusław Dybaś und Prof. Alois Woldan beschlossen, in der die Notwendigkeit  komplexer, interdisziplinärer Studien zur sarmatischen Kultur hervorgehoben wurde.

Aleksanda Mróz

fot.: Adam Jaskot

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