Die Nationalbewegungen der Südslawen und ihr Einfluss auf den Zerfall Österreich-Ungarns

Univ.-Prof. Dr. Antoni Cetnarowicz

Im Rahmen der Kopernikusvorlesungen fand am 2. Oktober 2014 im Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien der Vortrag von Prof. Antoni Cetnarowicz, Institut für Geschichte, Jagiellonen-Universität, zum Thema „Die Nationalbewegungen der Südslawen und ihr Einfluss auf den Zerfall Österreich-Ungarns” statt. Koreferent war Universitätsprofessor em. Walter Lukan (Universität Wien und Universität Ljubljana). Die Gäste wurden vom Direktor des Zentrums Prof. Bogusław Dybaś, der auch das Thema der Vorträge sowie die damit verbundenen Fragen skizzierte, begrüßt.

Prof. Cetnarowicz erörtete in seinem Vortrag die wichtigsten Prozesse der Nationalbewegungen der slawischen Völker auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie und die verschiedenen im Anschluss daran entstehenden Konzeptionen. Schon in den 1890er Jahren begann der Prozess der Emanzipation der slawischen Völker. Dieser Vorgang wurde als „nationale Wiedergeburt“ bezeichnet. Für die Mehrheit der Slawen in der Habsburgermonarchie waren die Jahre der Revolution 1848/49 bahnbrechend, sie hatten auch eine Stärkung des Nationalbewusstseins zur Folge. Der anfängliche Sieg des föderalen Systems führte dazu, dass es eine Entwicklung der bestehenden Konzeptionen weiter in österreichisch-slawische Richtung durchaus realistisch schien. Die österreichischen Slawen, u.a. die Slowenen, die Kroaten und die Serben, blieben im Grunde genommen der Konzeption des Austroslawismus sowie auch des Austroföderalismus, wie sie von František Palacký bezeichnet wurde, treu. Seit dem Sturz der Regierung von Badeni im Jahre 1897 war klar, dass die Nationalitätenfrage das größte Problem in Österreich wäre und das weitere Schicksal des Landes von dieser Frage abhinge. Die Annexion von Bosnien und Herzegowina 1908 beschleunigte diese Bewegung, ähnlich wie der Sieg von Serbien und Montenegro im Balkankrieg. Am Kriegsende schien der Nationalitätskonflikt der Habsburgermonarchie so verschärft, dass er zum Untergang dieses Vielvölkerstaates führte. De facto war dies jedoch lediglich das Ziel einer nicht allzu großen Gruppe.

Prof. Lukan konzentrierte sich auf die vier Jahre des Ersten Weltkrieges selbst. Er stellte die Akteure und Handlungen zugunsten der Gründung der slawischen Staaten vor. Über den Neoslawismus wurde nicht mehr gesprochen, er war bereits vergessen. Die Habsburgermonarchie vereinte in seinen Grenzen viele verschiedene Völker, die nach zunehmend mehr Autonomie verlangten. Jedes Volk wollte eine andere Form von Autonomie. Die Monarchie hatte eine sehr interessante und differenzierte Nationalitäten- und Religionsstruktur, dabei hatte jede Nation unterschiedliche Konzeptionen hinsichtlich des sich  konstituierenden Staatswesens. Die Bestrebungen der Eliten waren dennoch immer weiter von den Bestrebungen des Volkes entfernt, was immer deutlicher wurde. Diese Prozesse zeigten die Komplexität der Frage, was in den Vorträgen ausdrücklich betont wurde, und auch zu einer lebendigen Diskussion seitens des Publikums führte, das nach den Gründen für den Untergang der Habsburgermonarchie fragte.

Prof. Lukan antwortete, dass sich nationalistische Ansichten zu dieser Zeit sehr rasch entwickelten. Die Bestrebungen nach Unabhängigkeit wurden immer stärker. Franz Joseph I änderte nichts, die Regierung nahm das Problem nicht ernst. Wie sich im weiteren Teil der Diskussion zeigte, konnte das Parlament keine Lösung für die nationalistische Problematik finden, was auf die spezifische Struktur der Monarchie zurückzuführen ist. Franz Joseph I vertrat ein zentralistisches System, Kaiser Karl I kam mit seinem Konzept bereits zu spät. Der Krieg veränderte die Situation äußerst rasch und es war äußerst schwierig, eine Lösung zu finden.

Prof. Cetnarowicz stellte fest, dass in der Habsburgermonarchie keine Lösung des Problems gefunden wurde, obwohl sich die Regierenden um eine solche sehr bemüht hatten.

Es wurden auch mit Bosnien verbundenen Fragen gestellt. Man fragte nach den Reaktionen der Habsburger auf die Nationalitätenbewegungen. Man überlegte, welche Rolle dalmatinische Prominenten der jugoslawischen Idee spielten. Es wurde auch diskutiert, welchen Einfluss das Deutsche Kaiserreich auf die Habsburgermonarchie hatte.

Lidia Gerc

 

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