„Auschwitz im Kontext“ – die ehemaligen Konzentrationslager im gegenwärtigen europäischen Gedächtnis

Polnisch-österreichische wissenschaftliche Tagung unter dem Ehrenschutz des Bundespräsidenten der Republik Österreich Dr. Heinz Fischer

Am 1. und 2. Dezember 2014 fand im Wissenschaftlichem Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien eine wissenschaftliche Tagung unter dem Ehrenschutz des Bundespräsidenten der Republik Österreich Dr. Heinz Fischer zum Thema „Auschwitz im Kontext“ – die ehemaligen Konzentrationslager im gegenwärtigen europäischen Gedächtnis statt. Die Tagung wurde vom Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften, dem Zentrum für Historische Forschung in Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien veranstaltet. An der Tagung nahmen Vertreter polnischer, deutscher und österreichischer wissenschaftlicher Institutionen sowie von Museen und Gedenkstätten teil.

Die Tagung wurde mit einem Vortrag von Prof. Robert Traba, Zentrum für Historische Forschung in Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, eröffnet, der die  Frage: „Inwieweit ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gemeinsam/geteilt?“ zur Diskussion stellte. Prof. Traba sprach von deutschen Konzentrationslagern, überlegte, ob man sie nationalsozialistisch nennen darf, sowie  über sowjetische Verbrechen. In der Podiumsdiskussion unter dem Titel: „Neue Museumslandschaften und Generationswechsel als Herausforderung für KZ-Gedenkstätten“ ergriffen Vertreter folgender Gedenkstätten das Wort: Andrzej Kacorzyk, stellvertretender Direktor des Museums Auschwitz-Birkenau und Leiter des Internationalen Zentrums für Auschwitz und den Holocaust, Christian Dürr, Leiter des Archivs der Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen-Gusen sowie der Ausstellung „Die Krematorien von Mauthausen“; der stellvertretende Direktor der Gedenkstätte Majdanek Grzegorz Plewik, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Jörg Skriebeleit und der Direktor des Museums Stutthof Piotr Tarnowski. Sie erörterten u.a. Fragen der Organisation und Reorganisation der Ausstellungen und der gezeigten Narrative. Trotz vieler Ähnlichkeiten ist jede Gedenkstätte einzigartig und muss „eigene“ Lösungen finden, um ihre Botschaft den folgenden Generationen zu vermitteln. Der erste Themenblock wurde von Prof. Bertrand Perz, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte, moderiert.

Die zweite thematische Einheit unter dem Titel „Neuer Umgang mit Tätern und Opfern“, moderiert von Dr. Claudia Kuretsidis-Haider, Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz, widmete sich der Frage des neuen Umgangs mit der Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen und deren Opfert. Winfried R. Garscha, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes DÖW, und Siegfried Sanwald, Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz, stellten die Aktivitäten des Archivs vor, ua. die Erstellung einer Datenbank, die der in Auschwitz/Birkenau ermordeten österreichischen Juden gedenkt. 1998 wurde die Zentrale Forschungsstelle Nachkriegsjustiz, die die Dokumentation der Verfolgung der Österreicher durch die Nationalsozialisten erforscht, am DÖW gegründet. Dessen Arbeit ist auch dank der Zusammenarbeit mit zahlreichen weiteren Institutionen (u.a. dem Polnischen Institut für Nationales Gedenken und dem US Holocaust Memorial Museum) möglich.

Marcin Owsiński, Leiter der Abteilung für Museumspädagogik im Museum Stutthof, stellte die Projekte des Museums vor. Owsiński beschrieb die Arbeit an der Dokumentation der Erfahrungen der „Zeugen der Geschichte“, d.h. jener Personen, die dieses Lager überlebt hatten. Dies ist besonders wichtig, da die Zeitzeugen der Geschehnisse von uns gehen.

Im drittem Block, der unter dem Titel „Auschwitz und Holocaust im Schulbuch“ von Prof. Traba moderiert wurde, sprach man über die Art und Weise der Darstellung in Schulbüchern in Polen, Deutschland und Österreich. Dr. Hanna Węgrzynek, Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau, präsentierte in ihrem Vortrag „Der Holocaust in polnischen Schulbüchern, 1945-1989“ eine Auswahl jener Themen, die in Geschichtslehrbüchern thematisiert werden. Dr. Węgrzynek stellte fest, dass das erste Schulbuch, in dem der Begriff Holocaust verwendet wird, erst 1993 publiziert wurde. Dr. Katarzyna Woniak, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademei der Wissenschaften, stellte  die Ergebnisse der Forschung des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und die Darstellung des Holocaust in Schulbüchern vor. Die Forschung zeigte, dass zahlreiche unterschiedliche Darstellungen des Holocaust vorliegen. Im Vortrag unter dem Titel „Die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager in polnischen Schulbüchern nach dem Jahr 1989“  von Piotr Trojański und Aleksandra Kalisz, Staatliche Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und Pädagogische Universität Krakau, wurden die nach 1989 herausgegebenen Schulbücher vorgestellt und einer Analyse im Kontext der Konzepte des seit 2008 geltenden neuen Lehrplans für Allgemeinbildung unterzogen. Olivia Kaiser-Dolidze, Verein Gedenkdienst, hielt ein Referat unter dem Titel „Zivilisationsbruch Auschwitz in Schulbüchern“ und zeigte die staatlich legitimierten Approbationsverfahren für Schulbücher in Österreich. Der Inhalt der Bücher spiegelt den Umgang mit der österreichischen Geschichte in den letzten Jahrzehnten wider.

Im letzten Teil der Tagung, d.h. in Ausstellungen „in the Making“, der von Dr. Monika Sommer, Wien Museum, moderiert wurde, sprach man über Gedenkstätten und neue Konzepte für diese Orte. Dr. Ljiljana Radonić, ÖAW, erörterte im Referat unter dem Titel „Postsozialistische Gedenkmuseen und die ‚Europäisierung des Holocaust‘“ den Charakter der nach 1989 entstehenden Gedenkstätten (u.a. Museum des Warschauer Aufstandes, Haus des Terrors in Budapest, Jasenovac-Gedenkmuseum in Kroatien), die Hauptrichtungen ihrer Aktivitäten und die Art und Weise ihrer Darstellung. Anhand von Beispielen zeigte sie, wie neue Museen an ältere Institutionen dieser Art anknüpfen. Claire Fritsch, Nationalfonds der Republik Österreich, und Hannes Sulzenbacher, Projekt „Neugestaltung der österreichischen Länderausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau“, erörterten die geplante Reorganisation der österreichischen Länderausstellung, die 1978 in Auschwitz eröffnet wurde. Der Umgang von Österreich mit seiner Vergangenheit ändert sich, daher beschloss die österreichische Bundesregierung, Österreich nicht nur als erstes Opfer des Nationalsozialismus, sondern auch als Mitverantwortlichen für diese Verbrechen zu zeigen. Der Titel der neuen Ausstellung lautet „Entfernung. Österreich in Auschwitz“.

An der Konferenz nahmen u.a. der Botschafter der Republik Polen in Wien Mag. Artur Lorkowski und der Generalkonsul der Republik Polen Andrzej Kaczorowski teil. Der Botschafter erinnerte in seiner kurzen Einführung daran, wie es zum Leitmotiv der Veranstaltung gekommen war, nämlich aufgrund der Erwähnung eines „polnischen Konzentrationslagers“ in einem österreichischen Schulbuch.

Die Tagung wurde von lebendigen Diskussion und Debatten begleitet. Es zeigte sich, dass es nach wie vor noch zahlreiche Forschungsfragen zu beantworten gibt, insbesondere hinsichtlich der Art und Weise der Dokumentation und der Vermittlung der Geschichte an die nachfolgenden Generationen. Es wurde auch die Frage gestellt, welche Aufgaben die Gedenkstätten erfüllen sollten, und Überlegungen angestellt, ob deren steigende Zahl die Vermittlung der Geschichte an die folgenden Generationen nicht negativ beeinflussen wird.

Die Frage der Schulbücher ist von großer Bedeutung, weil sie nicht selten die einzigen Publikationen sind, die das Wissen den nachfolgenden Generationen vermitteln. Auch diese Frage wurde bis dato noch nicht ausreichend erforscht.

Jakub Lewandowski

 

Photos: Jakub Lewandowski

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