Die Wiener im Litzmannstädter/Lodzer Ghetto

Symposium

Drei Säcke mit Diamanten für ein Lebensjahr...

Die Vernichtung der jüdischen Gemeinschaft kann als das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Stadt Lodz im 20. Jahrhundert betrachtet werden. Weitgehend unbekannt ist das Schicksal der 4999 (5000-5002) Juden, die aus Wien in das Litzmannstädter Ghetto im Rahmen der so genannten „Säuberung“ des Dritten Reiches von Juden deportiert wurden.

Am 26. März 2015 fand im Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien ein Symposium zum Thema Die Wiener im Litzmannstädter/Lodzer Ghetto. The Viennese in the Litzmannstadt/Lodz Ghetto statt, in dem wissenschaftliche Projekte und Studienergebnisse sowie Archivmaterialien vorgestellt wurden.

Zur Eröffnung hieß der Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien Prof. Bogusław Dybaś alle Gäste herzlich willkommen. Mit seiner Anwesenheit beehrte  auch der Botschafter der Republik Polen in Wien, Seine Exzellenz Mag. Artur Lorkowski, das Symposium.

In seinem Referat „Access to the ghetto's records in the State Archive in Lodz” stellte Mag. Piotr Zawilski, Direktor des Polnischen Staatsarchivs in Lodz, die Bestände des Archivs sowie die Möglichkeiten, diese zugänglich zu machen, vor. Direktor Zawilski betonte, dass die Materialien dieses Archivs einzigartige Archivalien sind und als die am besten erhaltenen Dokumente der Geschichte des Holocaust gelten. Sie enthalten u.a. Informationen über Juden und Roma, die aus den vom Dritten Reich besetzten Gebieten nach Lodz deportiert wurden. Die Bestände beinhalten über 1 400 000 Seiten sowie über 11 000 Fotos. Seit 2014 werden Arbeiten zur Digitalisierung der Archivalien der Sammlung durchgeführt, die nun auf der Webseite www.szukajwarchiwach.pl zugänglich sind.

Dr. Adam Sitarek, Mitarbeiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Lodz sowie des Instituts für Nationales Gedenken in Lodz, referierte in seinem Vortrag “The Jews of Vienna in the Łodź ghetto” über jene Wiener Juden, die im Herbst 1941 in das Lodzer Ghetto deportiert wurden. Die umfassende Dokumentation erlaubte es, Zahl, Alters- und Berufsstruktur sowie den Gesundheitszustand der aus Wien nach Lodz deportierten Personen zu rekonstruieren.

Prof. Krystyna Radziszewska, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Literatur und Kultur Deutschlands, Österreichs und der Schweiz an der Universität Lodz, befasste sich in ihrem Referat „Texte der Wiener Juden aus dem Lodzer Ghetto“ mit der Literatur, die nach der Umsiedlung der Juden nach Lodz 1941 entstanden ist. Ein besonderer Schwerpunkt ihres Vortrages waren Texte, die von Wiener Juden, u.a. von Alice de Buton, Oskar Rosenfeld (1884-1944) und Dr. Oskar Singer (1883-1945) verfasst worden waren, in denen das Leben der Autoren im Ghetto geschildert wird.

Mag. Ewa Wiatr, Mitarbeiterin des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Lodz und Doktorandin am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften, sprach in ihrem Vortrag unter dem Titel „Doubly excluded? Christians of Jewish origin in the Łódź ghetto” über Christen, u.a. Katholiken aus Wien, im Ghetto, insbesondere über die Karmeliterin Maria Regina Fuhrman. Sie versuchten, Im Ghetto ihr religiöses Leben weiterzuführen, teilten das Schicksal ihrer Nachbarn jüdischen Glaubens und wurden in das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno am Ner) deportiert.

Nach den vier Vorträgen der Wissenschaftler aus Lodz ergriffen die drei Koreferenten, Dr. Gerhard Baumgartner, Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, Dr. Eleonore Lappin-Eppel, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Regina Wonisch, Leiterin des Forschungszentrums für historische Minderheiten, das Wort. An die gehaltenen Vorträge anknüpfend stellten sie die von ihren Institutionen geführten Forschungen über die im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen vor.

Im Anschluss an die Referate und Koreferate kam es zu einer lebendigen Diskussion, in der u.a. nach dem Eigentum der in das Ghetto deportierten Juden gefragt wurde, sowie danach, welche Arbeit die Juden im Ghetto zu verrichten hatten.  Deren Arbeitgeber, so die Antwort der Referenten, waren u.a. die bis heute bestehenden Firmen Fellina und Triumph. Im Ghetto wurden u.a. Damenunterwäsche und Schuhe hergestellt, auch wurden Unifomen genäht und repariert. Auf die Frage, warum das Ghetto so lange bestand, wurde auf zahlreiche diesbezügliche Hypothesen hingewiesen, u.a. auf jene, dass die im Ghetto verrichtete Arbeit eine bedeutende Einnahmequelle war. Auch wurde auf den enorm hohen Betrag hingewiesen (drei Säcke mit Diamanten), die von einem der deportierten Juden für ein Lebensjahr bezahlt wurde.

Lidia Gerc

Photos: Malwina Talik

Logo de kolor300DPI

 

Kontakt

Polnische Akademie der Wissenschaften - Wissenschaftliches Zentrum in Wien
Boerhaavegasse 25

1030 Wien - Österreich
Telephon: + 43 1 713 59 29

Fax: + 43 1 713 59 29 550
Mail: office@viennapan.org 
Impressum

 

Termine

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31

Anfahrt

© 2016 PAN - All Rights Reserved
Our website is protected by DMC Firewall!