„Unterbrochene Trauer“. Erinnerung an NS-Lager und die Stalinisierung Polens

Dr. Zofia Wóycicka

„In Polen wurde die kollektive Trauer nach dem Zweiten Weltkrieg nie ganz beendet”, so lautet eine These von Dr. Zofia Wóycicka (Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel), die am 23. April 2015 im Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien einen Vortrag zum Thema „Unterbrochene Trauer“. Erinnerung an NS-Lager und die Stalinisierung Polens“ hielt. Grundlage ihres Vortrags war ihre Publikation „Przerwana Żałoba. Polskie spory wokół pamięci nazistowskich obozów zagłady i koncentracyjnych 1944-1950” [Unterbrochene Trauer. Polnische Konflikte rund um die Erinnerung an die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager 1944-1950]. Der Abend wurde von Dr. Machteld Venken moderiert, Prof. Dr. Bertrand Perz hielt das Koreferat.

Dr Wóycicka stellte fest, dass die umfassende Stalinisierung des Landes in den ersten Jahren des Bestehens der Volksrepublik Polen, die Unmöglichkeit eines öffentlichen Diskurses sowie die Tabuisierung vieler Themen das Geschichtsbewusstsein der polnischen Gesellschaft und damit auch die Wahrnehmung der nationalsozialistischen Konzentrationslager und deren Häftlinge beeinflusst hatte. Unmittelbar nach dem Krieg gab es für die ehemaligen Häftlinge der Konzentrationslager mehr Raum, ihre Erfahrungen mitzuteilen, da zu diesem Zeitpunkt bestimmte Gruppen von der Gesellschaft noch nicht marginalisiert wurden. Parallel zum Prozess der zunehmenden Stalinisierung verschlechterte sich die Situation zunehmend. Es wurde das Bild eines nach Möglichkeit kommunistischen Häftlings geformt, der gegen die nationalsozialistische Besetzung gekämpft hatte. Realistische Beschreibungen und die Schilderung der Entwürdigung in den Konzentrationslagern stießen auf herbe Kritik. Aus diesem Grund wurde auch das Schaffen von Tadeusz Borowski (u.a. „Wir waren in Auschwitz”) wenig geschätzt. Die Folgen dieser Politik sind vielfach bis heute bemerkbar. Dr. Wóycicka wies auch darauf hin, dass Häftlingen jüdischer Herkunft im Polen der Nachkriegszeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Teilweise war dies dadurch bedingt, dass viele Juden nach dem Krieg Polen verlassen hatten und daher keinen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs hatten. Die Polen wiederum konzentrierten sich vorwiegend auf das Leiden ihrer Familien.

Nach dem Vortrag von Dr. Wóycicka ergriff Prof. Dr. Bertrand Perz das Wort. Zunächst verglich er die Situation im Österreich und Polen der Nachkriegszeit. Anschließend referierte er über das österreichische Erinnern und Gedenken an die Opfer der Konzentrationslager. Nach seinen Ausführungen kam es zu Fragen und einer Diskussion seitens des Publikums.

Im Rahmen des Tages der Offenen Türe am 19. Juni 2015 wird ein weiterer Vortrag zu diesem Thema gehalten. Thema dieses Vortrags ist ein polnisch-deutsches Schulbuchprojekt.

 Malwina Talik

 

Photos: Malwina Talik

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