Polens Wilder Westen. Über die Folgen der erzwungenen Migrationen für die neuen Bewohner des Oderraumes nach 1945

Univ.-Prof. Dr. hab. Beata Halicka

Den Wilden Westen assoziiert man heute vorwiegend mit den USA. Jedoch gab es auch im Nachkriegspolen Regionen, die als Wilder Westen bezeichnet wurden: „Polens Wilder Westen“ waren die „wiedergewonnenen“ Gebiete Polens im Westen des Landes nach der neuen Grenzziehung im Jahr 1945. Mit dieser Erklärung leitete Frau Prof. Dr. Beata Halicka ihren Vortrag ein, der am 7. Mai 2015 im Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften stattgefunden hat und auf den Erkenntnissen ihres Buches  „Polens Wilder Westen. Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945-1948“ basierte. Der Abend  wurde von Univ.-Prof. Dr. Bogusław Dybaś, dem Direktor des Zentrums, moderiert und von Univ.-Prof. Dr. Philipp Ther (Universität Wien) kommentiert.

Zu Beginn ihres Vortrages stellte Prof. Halicka ausführlich ihre Forschungsmethoden vor. Hauptquelle ihrer Arbeit waren die zumeist in den 1950er Jahren entstandenen Memoiren der neuen Siedler – viele davon wurden auf Grund von Wettbewerben, in deren Rahmen nach den interessantesten Erinnerungen der neuen Siedler gesucht wurde, verfasst. Sie sind in der Tat eine hervorragende Informationsquelle über die ersten Jahren der „Kolonisierung“ der ehemaligen deutschen Gebiete, wenngleich mit einigen Einschränkungen: viele Aspekte wurden von der Zensur gestrichen, z.B. die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat im Osten oder Vorwürfe gegen die Sowjetunion für deren Besetzung der ehemaligen "Kresy", den östlichen Grenzregionen der Zweiten Polnischen Republik. Die Referentin unterstrich, dass nicht die deutsch-polnischen Beziehungen den Schwerpunkt ihres Buches bilden, sondern das Leben an Orten, wo die Bevölkerung binnen knapp drei Jahre vollkommen ausgetauscht wurde.

Darüber hinaus wies Professor Halicka das Publikum auf den ideologischen Aspekt der Übernahme der neuen Gebiete hin. Gemäß der kommunistischen Propaganda wurde Polen seine ‚natürliche‘ Grenze zurückgegeben, es handelte sich demzufolge um eine Rückkehr in die angestammten Gebiete der Piasten, die Polen als Wiedergutmachung für die deutsche Aggression verdient habe. Diskussionen über die Kresy wurden zu einem Tabuthema. Prof. Halicka stellte weiter fest, dass entgegen der landläufigen Meinung die dominierende Gruppe in den neuen Gebieten nicht die Umsiedler aus den Kresy, sondern ‚Kolonisten‘ aus Großpolen und Zentralpolen waren. Die Referentin stellte auch die unterschiedlichen Ansiedler vor, u.a. die begeisterten Pioniere, „Szabrownicy“ (pol. für Plünderer) sowie die stets mit gepackten Koffern bereiten verzweifelten Kriegsopfer, die im Fall einer Rückkehr der Deutschen für ihre sofortige Flucht vorbereitet waren. Darüber hinaus gab es auch weitere ethnische Gruppen, u.a. Roma, Ukrainer, Deutschen und Juden. Für letztere stellte ihr Aufenthalt in Polen oftmals einen Zwischenstopp dar, bevor sie in weitere Länder migrierten.

Abschließend stellte Professor Halicka fest, dass die erste Generation, die in den wiedergewonnenen Gebieten lebte, sich dort nie wie zu ‚Hause‘ gefühlt hätte. Niemand glaubte, dass diese Gebiete lange unter polnischer Administration bleiben würden. Die zweite Generation entwickelte zwar allmählich eine regionale Identität, erst der dritten und vierten Generation gelang dies jedochzur Gänze

Anschließend ergriff Univ.-Prof. Philipp Ther das Wort. Er ist Verfasser des im Jahr 1998 erschienenen Buches „Deutsche und polnische Vertriebene: Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945–1956“. Er äußerte sich voll Anerkennung über die Publikation von Prof. Halicka und las einige Abschnitte daraus vor. Darüber hinaus sprach er das Problem der Idealisierung der verlorenen Heimat seitens der Deutschen an. Er sprach auch über die Vielzahl von Oderidentitäten, über die fehlende Kontinuität des Kulturtransfers in dieser Region aufgrund der massenhaften Umsiedlungen und über die Konkurrenz der Erinnerung unterschiedlicher Gruppen.

Nach den beiden Vorträgen kann es zu einer langen und spannenden Diskussion. Es wurde u.a. danach gefragt, ob Prof. Halicka auch unter noch lebenden Umsiedlern eine Umfrage durchgeführt hätte, wie sich die Situation in Oberschlesien darstellte, wer die neuen Ansiedler waren und wie man sie definieren kann – als Kolonisatoren, Flüchtlinge, Vertriebene?

Nach dem offiziellen Teil wurde die Diskussion bei einem Gläschen Wein im Rittersaal noch lange fortgesetzt.

Malwina Talik

Photos: Malwina Talik

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